Bürgerantrag: Saumbiotope

Eingereicht Februar 2021

Status: offen



Antrag nach § 24 der Gemeindeordnung NRW

Mehr Artenvielfalt an ländlichen Straßen

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Morkes,

bei meinen vielen Fahrradkilometern durch das Kreisgebiet zieht sich ein trauriger Anblick wie ein roter Faden durch die Straßen: Die Randstreifen rechts und links kleiner, ländlicher Straßen und Wege sind in weiten Teilen inzwischen fast komplett „nur grün“: Die Artenvielfalt heimischer Blühpflanzen und Kräuter hat dort so stark abgenommen, dass fast ausschließlich Grasbewuchs verblieben ist. Straßenränder bieten somit fast keinen Lebensraum mehr für Blumen oder Insekten oder andere Tiere.

Was ist das Problem?

In unserer durch „blitze blanke“ Äcker und Häuser geprägten Landschaft sind diese schmalen Stückchen Grün die letzten verfügbaren Flächen, die Insekten und Wildblumen als Lebensraum dienen könnten. Momentan werden diese Seitenränder durch verschiedene Akteure teilweise mehrmals jährlich gepflegt: 

  • Durch Mitarbeiter des Grünflächenamtes der Gemeinde bzw. deren Beauftragte
  • Durch einige Landwirte, diese mähen die Streifen auf dem Weg zu ihren Feldern gerne mal gerade mit ab, weil  – so wurde es mir auf meine Nachfrage hin gesagt – dann weniger Samenflug auf die Äcker kommt. Ich habe den Eindruck, dass es aber auch damit zu tun hat, dass einige Landwirte „ihr Revier“ „ordentlich und gepflegt“ halten wollen.
  • Durch Privatpersonen mit Aufsitzrasenmähern

So kommt auf einigen Flächen eine ziemlich große Zahl an Mähvorgängen zusammen. Es wird zu oft geschnitten, manchmal zum falschen Zeitpunkt, das Mahdgut bleibt immer liegen und düngt den Boden. Auf gedüngtem Boden wächst Gras besonders gut, Wildblumen können sich kaum oder gar nicht mehr durchsetzen, Keimlinge werden durch aufliegendes Gras erstickt. Viele Schnitte bedeuten auch, dass Wildkräuter gar nicht erst zur Blüte kommen und sich dadurch nicht wieder aussähen können. Viele ehemalige „Allerweltsblumen“ sind inzwischen selten geworden.

Winteransicht: Für gewöhnlich sieht es bei uns fast überall SO aus. Keine alten Stängel, keine verblühten Stauden, keine hohen Gräser – kein Lebensraum und keine Überwinterungsmöglichkeit für Insekten. Soweit das Auge reicht. 

Was brauchen Insekten?

Insekten sind durch Lebensraumverlust in weiten Teilen in ihrer Existenz bedroht. Dass ihr Verlust ein Massensterben anderer Lebewesen nach sich ziehen wird, an dessen Ende der Mensch stehen könnte ist auch keine neue Erkenntnis. Die Situation spitzt sich inzwischen dramatisch zu.

Viele Insekten sind auf heimische Wildblumen und Kräuter angewiesen. 

Viele Insekten brauchen Blüten als Nahrung und Pflanzenstängel und alte Blütenstände als Nistplatz. Insekteneier, Larven oder adulte Tiere überwintern überwiegend im Boden oder in oder an alten Stängeln. In freier Landschaft kann man allerdings kaum einmal alte Pflanzenstängel finden, egal, wohin man schaut, egal zu welcher Jahreszeit. Ohne heimische Blühpflanzen, die aber wirklich auch blühen und verblühen müssen und deren abgestorbene Reste den Winter bis in das Frühjahr hinein überdauern, sind viele Insektenarten verloren. Alte Stängel und „Unordnung“ sind also wichtige Überwinterungsquartiere und ökologisch unverzichtbar und damit wertvoll. Besonders für „Spezialisten“ unter den Insekten, die auf eine spezielle Futter- oder Nistpflanze angewiesen sind, ist der Verlust der Artenvielfalt bei den Blühpflanzen ein großes Problem. Verschwindet die Pflanze, verschwindet auch das Insekt. Selbst für Generalisten, wie die von den Imkern gepflegten Honigbienen, die weniger wählerisch sind, wird es schon eng.


Wie sieht es bei uns aus?

Auf dem Foto sieht man einen Randstreifen (Gütersloh) als abschreckendes aber alltägliches Beispiel. Er wurde im Dezember, also zu einer Zeit, in der dort Insekten überwintern, ohne jeden erkennbaren Nutzen noch einmal bis fast auf die Erde runtergeschreddert. Der vorherige Zustand war schon suboptimal, diesen neuerlichen Schnitt kann man als zerstörerische Sinnlosigkeit betrachten, die auch noch Steuergelder und Diesel gekostet sowie CO2 erzeugt hat. Dort überleben keine Insekten mehr! An vielen Stellen im Kreisgebiet beobachtet man leider solche Zustände. 

An anderen Straßen gelingt es dem Bewuchs das ganze Jahr über nicht, viel länger als einige Zentimeter zu werden. Blüten sucht man an fast allen Orten vergeblich.


Natürlich müssen an den Straßen „Sichtdreiecke“ freigehalten werden. Verbuschung gilt es zu verhindern, allerdings sollte die „Pflege“ den Regeln und Ansprüchen der Natur folgen. Argumente, dass die Verkehrssicherheit gefährdet sei halte ich – abgesehen von zugewachsenen Sichtdreiecken – für vorgeschoben, da auf den kleinen Straßen sowieso angepasst gefahren werden muss. Aus meinen Beobachtungen geht hervor, dass selten Bewuchs bis auf die Straße hängt. Es wäre auch möglich, lediglich die vorderen 50 cm zu mähen und den Rest stehen zu lassen. Da, wo öfter Autos auf den Seitenstreifen fahren ist der Boden in der Regel so stark verdichtet, dass der Bewuchs direkt an der Straße sowieso eher spärlich ist – siehe nachfolgendes Foto:

Was möchte ich erreichen?

Ich möchte erreichen, dass im ersten Schritt die Flächen rechts und links der Wirtschaftswege und kleinen Straßen der Gemeinde so gepflegt werden, dass sie sich wieder zu artenreichen Säumen entwickeln können. Sie müssen als Lebensraum von Tieren und Pflanzen betrachtet und auch so behandelt werden. Im zweiten Schritt sollten größere Straßen folgen.

Dazu sind m.E. die folgenden Maßnahmen notwendig:

  1. Es sollte nur ein Schnitt oder bis zur erfolgreichen Abmagerung max. zwei Schnitte pro Jahr erfolgen – angepasst an den jeweiligen Standort. Hierfür sollte ein Mähplan erstellt werden. 
  2. Wo immer es geht, sollen alte Stängel und lange Gräser ganz stehen bleiben, da es Insekten gibt, die sogar erst im zweiten Jahr in einen Stängel einziehen können, wenn er schon ein wenig verrottet ist. 
  3. Es darf nicht bis auf den Boden geschnitten werden, da der Verlust an Insekten sonst extrem hoch ist. Die ideale Schnitthöhe liegt bei etwa 10 bis 12 cm.
  4. Es sollte prinzipiell nur noch geschnitten, nicht geschreddert / gemulcht werden, da auf die Art deutlich weniger Insekten sterben.
  5. Das Schnittgut muss nach dem Schnitt heruntergenommen werden, damit die Flächen abmagern.
  6. Alle Personen, die mit der Pflege zu tun haben, sollten zur Thematik Blühpflanzen / Insekten / naturnahes Gärtnern geschult und sensibilisiert werden. Sie sollen die Pflegemaßnahmen anpassen und sie extensivieren im Sinne eines ökologisch sinnvollen Grünflächenmanagements, welches nachhaltig auf Verbesserung und Zuwachs von Artenvielfalt ausgerichtet ist. Wir müssen weg von „Abmähhelfern“ hin zu „Naturentwicklern“ oder „Naturunterstützern“.

Weitere notwendige Maßnahmen:

  • Aufklärende Öffentlichkeitsarbeit in der Presse, damit die BürgerInnen möglichst umdenken und erkennen, dass „Unordnung“ am Straßenrand notwendig, sinnvoll bzw. sogar überlebenswichtig ist. BürgerInnen müssen dahin kommen, Natur zu unterstützen statt sie als unansehnlich zu bekämpfen. Dazu bedarf es immer wieder guter Pressearbeit und Sensibilisierung.
  • Kommunikation mit dem Bauernverband, der bitte weitergeben möge, dass die städtischen Straßenränder von den Landwirten nur dann geschnitten werden dürfen, wenn sie dazu einen städtischen Auftrag haben. Sonst nicht.

Was sind die Vorteile einer naturnahen Pflege?

  • Straßenränder durch weniger Mähen und Abmagern in „Saumbiotope“ zu verwandeln wird auf lange Sicht Geld sparen durch weniger Schnitte / weniger Maschinenstunden.
  • Die Artenvielfalt an Insekten und heimischen Blühpflanzen wird gefördert, Lebensgrundlagen (nicht nur die der Insekten, sondern auch die der Menschen) werden gefestigt
  • Die Aufenthaltsqualität im Außenbereich wird durch mehr Natur und mehr Blüten erhöht

Saumbiotope entlang der Straßen sind die einzigen frei verfügbaren Flächen, die keinem finanziellen Nutzungsdruck unterliegen. Sie sind miteinander vernetzt, Insekten können ihnen kilometerweit folgen und genetische Vielfalt verbreiten. Wir bewahren oder schaffen ihnen einen Lebensraum, der schon da ist. Wir müssen dafür keine teuren Grundstücke erwerben. Wir haben sie bereits. Es sind Orte, an denen „alte Stängel hässlich aussehen dürfen“ – weil es der Vorgarten von niemandem ist. Es sind Orte, die zur Rettung vieler Insektenarten beitragen können. Das alleine wird zwar nicht reichen, aber es wäre ein leicht durchzuführender und wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Wir haben die überlebenswichtige Aufgabe, die heimischen Pflanzen und Insekten zu schützen und die Arten zu erhalten.

Hiermit bitte ich Sie um Prüfung und stehe bei allen Fragen zur Umsetzung zur Verfügung. 

Dafür vielen Dank. 

Mit freundlichen Grüßen

Anette Klee, Bürgerin aus Gütersloh


Mehr Informationen vom Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Verbraucherschutz NRW: 

http://wegraine.naturschutzinformationen.nrw.de/wegraine/de/pflege/grundsatz



Ende des Bürgerantrages


Mehr zum Thema

Hier der Link zu einer sehr wichtigen und guten Petition zum Thema, sie heißt "Mehr Artenvielfalt im öffentlichen Grün":

https://www.petition-mehr-artenvielfalt-im-oeffentlichen-gruen.de/?fbclid=IwAR39a9jkPkLfFG0UzS-SnBv21knOuM31zAvbFd0fy8ozp4_VTJFlqaNpkLs

Auf meinen Fotos ist teilweise nur wenig Randstreifen und viel Acker oder Wiese zu sehen. Was ich damit aufzeigen möchte ist, wie wenig Lebensraum für die Insekten vorhanden ist. Es geht nicht darum, Landwirte anzugreifen - dass diese ihre Wiesen im Spätherbst noch geschnitten haben ist nachvollziehbar. Dennoch braucht die Natur das, was kaum mehr auffindbar ist: Die Unordnung ungemähter bzw. wenig gemähter Flächen.

Suchen muss man sie, die Orte, an denen es Disteln gibt oder Brennnesseln. Wann haben wir zuletzt einen Wegrain gesehen, der üppig blüht?

An Gräsern oder Stängeln legen zum Beispiel die Dickkopffalter, das kleine Wiesenvögelchen, der braune Waldvogel (Schornsteinfeger), das Ochsenauge und der Schachbrettfalter ihre Eier ab, auch die Raupen sind darauf angewiesen. Alle Falter können nur existieren, wo Gras nicht regelmäßig gemäht wird

Ochsenauge, schwarzkolbiger Dickkopffalter, brauner Waldvogel


Nicht nur den Insekten fehlen die alten Stängel, auch einige Vögel leben davon. Hier ein Bild aus meinem Garten. Alles ist dick zugeschneit, aber die alten Stängel gucken oben aus der Schneedecke raus. In der freien Natur kenne ich im nahen Umfeld leider keinen Ort, an dem ich so ein Foto machen könnte.


Keine hohen Gräser, keine alten Stängel und kein Unterschlupf für Insekten - soweit das Auge reicht:

und - als letztes Foto: die Grünflächen an der  Klimaschutzsiedlung direkt am Kreishaus im Dezember. Da sieht es auch nicht besser aus...